T wie Trauerspiel – 20 Jahre Telekom-Aktie

Foto: Erich Westendarp/pixelio.de
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Am 18. November 1996 ging die Deutsche Telekom an die Börse – was erst einen Boom auslöste, dann aber gründlich daneben ging.

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Keine Torte, keine Kerzen, keine Reden – und eine Flasche Sekt hat wohl auch keiner aufgemacht, als die T-Aktie am Freitag (18.11.2016) ihren 20. Geburtstag hatte. Der damalige Finanzminister Theo Waigel wollte möglichst viel Geld für die erste Tranche des ehemaligen Staatsunternehmens einnehmen, deshalb durfte der Börsengang kein Flop werden. Und der damalige Telekom-Chef Ron Sommer setzte den Auftrag um: In einer beispiellosen Werbekampagne wurde das Papier als wahre Volksaktie angepriesen.

Dem Trommelfeuer der Radio- und TV-Werbespots konnte sich damals keiner entziehen. Gallionsfigur der Kampagne war der Ex-DDR-Schauspieler Manfred Krug, der nach der Wende auch dem westlichen Publikum in einer Fernsehserie als sympathischer Rechtsanwalt Liebling ans Herz gewachsen war. Seinem treuherzigen Slogan „die Telekom geht an die Börse – und ich gehe mit“ musste man einfach Vertrauen schenken.

Knapp 50 Millionen Euro steckte die Telekom in die Werbung für die T-Aktie, und Telekom-Chef Ron Sommer ließ keinen Zweifel daran, dass er mit seiner Aktie ein ganzes Volk reich und glücklich machen wollte: „Immer mehr Deutsche wollen von braven Sparern zu pfiffigen Anlegern werden, weil ihnen größtmögliche Sicherheit bei magerer Rendite allein einfach zu wenig ist.“

Ziel: Die Volksaktie

Während der kürzlich verstorbene Manfred Krug eher das Bauchgefühl der Deutschen ansprach, lieferte Ron Sommer den wirtschaftlichen Überbau: „Zur Aktie musste man sich bislang hartnäckig durchkämpfen. Das jedoch steht diametral der politisch und volkswirtschaftlich wünschenswerten Zielsetzung entgegen, breitere Bevölkerungsschichten am Produktivvermögen der deutschen Wirtschaft zu beteiligen.“

Der Erfolg blieb nicht aus, 1,9 Millionen Kleinanleger gingen zusammen mit Manfred Krug an die Börse, 713 Millionen Aktien wurden ausgegeben. Die Aktie war hoffnungslos überzeichnet, Finanzminister Theo Waigel wäre auch fünf mal so viele Aktien losgeworden. Eine Stunde und 56 Minuten mussten er, Postminister Wolfgang Bötsch, Ron Sommer, Deutsche Bank-Vorstandssprecher Hilmar Kopper und sein Kollege Jürgen Sarrazin von der Dresdner Bank im Frankfurter Börsensaal ausharren, bis der erste Kurs der Aktie in freier Wildbahn feststand: Um 3,70 D-Mark übertraf die Aktie ihren Ausgabepreis von 28,50 Mark oder 14,57 Euro, der Schlusskurs des ersten Tages lautete auf 33,90 D-Mark oder 16,94 Euro.

Satte zehn Milliarden Euro spülte der erste Börsengang in die Kassen den Bundes, 26 Prozent des Grundkapitals der Telekom veräußerte der Bund damals im ersten Schritt. Und der Erfolg der Aktie dauerte an. Selbst der Börsencrash in Hongkong 1997 und die Panik an den asiatischen Börsen 1998 konnten dem Papier nichts anhaben, es stieg und stieg.

Überhitzter Markt

1999 kamen die Aktien der zweiten Tranche für 39,50 Euro auf den Markt. Sie gingen weg wie warme Semmeln und brachten der Staatskasse abermals rund zehn Milliarden Euro ein. Am 6. März des Jahres 2000 jubelten die Händler im Frankfurter Börsensaal: Die T-Aktie erreichte ihr Allzeithoch von 104,90 Euro – gut das siebenfache ihres ersten Ausgabekurses. Kluge Analysten, die plötzlich in Boulevardzeitungen wie der „Bild“ zu Wort kamen, sahen das Kursziel der Aktie bei 200 Euro.

Doch spätestens wenn Zeitungen wie die „Bild“ Aktientipps veröffentlichen, steigen kluge Anleger aus. Der Markt ist völlig überhitzt. Manche Anleger verschulden sich sogar, um am Boom teilhaben zu können. So gelingt es der Telekom, im Sommer noch eine dritte Tranche für 66,50 Euro pro Aktie an den Mann zu bringen, was noch einmal 13 Milliarden für die Staatskasse einbringt – doch dann folgt ein bitterer Abstieg auf Raten. Noch heute streiten Anleger mit der Telekom vor Gericht um Entschädigung wegen vermeintlich falscher Angaben im Verkaufsprospekt.

Abstieg auf Raten

Im Nachhinein ist man immer schlauer. Dabei hätten einige simple Überlegungen den einen oder anderen Anleger vielleicht zur Vorsicht gemahnt. Zwar hatte die Bundesregierung den Markt für Post- und Telekommunikationsdienstleistungen privatisiert, was einen ungeheuren Wachstumsschub ausgelöst hat. Doch Ron Sommer sollte aus dem Monopolisten, der ehemaligen Behörde mit ihren verschnarchten Beamten, angestaubten Strukturen und technikfeindlichen Oberpostdirektoren ein profitables Privatunternehmen machen, das sich erfolgreich gegen die schnelle und flexible Konkurrenz behauptet – das konnte nicht gut gehen, zumal die Einnahmen aus dem Börsengang größtenteils an den Bund gingen und der Telekom gar nicht zur Finanzierung von Wachstum zur Verfügung standen.

Es ging auch nicht gut: Ron Sommers Firmenzukäufe in den USA ließen die Schulden steigen, fehlerhafte Unternehmensstrategien setzten der Aktie genauso zu wie die überteuerte Ersteigerung der so genannten UMTS-Lizenzen und der teure Erwerb des US-Mobilfunkers VoiceStream. Im Frühjahr 2002 stand die Aktie, für die einmal über 100 Euro gezahlt worden war, bei nur noch 8,14 Euro. 14 Tage später musste Ron Sommer seinen Posten räumen.

Ruhiges Fahrwasser

Heute ist es um die Telekom ruhig geworden. Der Konzern ist effizienter und flexibler geworden, die Tochter in den USA macht glänzende Geschäfte, die Aktie notiert wieder über ihrem Ausgabekurs. Wer damals in den Genuss des Frühbucher-Rabatts kam und seitdem immer schön die Dividende kassiert hat, ist zwar nicht reich geworden, hat aber auch keinen Verlust gemacht. „Wir sind auf einem sehr guten Weg“, sagt Telekom-Chef Timo Höttges, aber „mehr geht natürlich immer“.

So wird die T-Aktie in die Geschichte eingehen als fehlgeschlagener Versuch, die Deutschen von Bausparern und Lebensversicherten zum Volk der Aktionäre zu machen. Tatsächlich waren sie es nie – selbst zu Zeiten der Börsen-Euphorie nicht. In Spitzenzeiten hielten etwa sechs Millionen Deutsche Aktien – also noch nicht einmal jeder zehnte Erwachsene.

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