Zinswende verschoben – was tun?

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Seit dem 7. März wissen wir Sparer, dass wir länger auf eine Zinserhöhung warten müssen. Die EZB hat auf ihrer jüngsten Ratssitzung eine Erhöhung ihrer Leitzinsen offensichtlich auf den Sankt Nimmerleinstag verschoben. Sparbuch und Co. werfen kaum noch etwas ab. Solange die Teuerungsrate nahe der Nulllinie blieb, hatte sich das in etwa ausgeglichen. Steigen die Verbraucherpreise jedoch stark an, verlieren Sparer unter dem Strich Geld. Was tun?

EZB-Chef Mario Draghi blickt deutlich pessimistischer auf die Konjunktur und überlässt die Zinswende seinem Nachfolger. Im Kampf gegen den Abschwung in Europa wollen die Währungshüter den Banken neue billige Langfristkredite gewähren, damit die Geldhäuser bereitwilliger Kredite an die Wirtschaft geben, wovon vor allem Institute im rezessionsgeplagten Italien profitieren dürften. Die Frankfurter Euro-Währungshüter wollen ihre ultratiefen Schlüsselzinsen bis mindestens zum Jahresende belassen – bislang hatten sie dies nur bis zum Sommer in Aussicht gestellt.

Mit den jetzigen Beschlüssen wird Draghi wohl der erste und einzige EZB-Präsident werden, der in seiner Amtszeit kein einziges Mal die Zinsen erhöht hat. Der Italiener scheidet Ende Oktober aus dem Amt. Ihren Seit März 2016 liegt der Leitzins in der Eurozone unverändert bei 0,0 Prozent. Kritiker halten diese am 7. März beschlossenen Maßnahmen für reine Panik. Damit hat nämlich die EZB mit einem Schlag ihr gesamtes Pulver verschossen für den Fall, dass die Konjunktur der Euro-Zone in den kommenden Monaten in eine Rezession abrutscht. Anders ausgedrückt: Die Zinswende könnte sich, wenn die Konjunktur in Europa weiter abschmiert, auf den Sankt Nimmerleinstag verschieben.

Das sind bittere Nachrichten – vor allem für Sparer, die sich Geld für die Altersvorsorge beiseite gelegt haben. Sie können zwar froh sein, dass die Banken für ihre Einlagen keine Strafzinsen verlangen – positve Zinsen gibt es aber auch nicht. So müssen sie zusehen, wie ihre Altersvorsorge Jahr für Jahr rund 1,2 bis 1,8 Prozent an Wert verliert, je nachdem, wie hoch die jährliche Inflationsrate ausfällt.

Alternative Anlageformen, die mehr (oder überhaupt) eine Rendite bringen – die gibt es zwar, aber die scheuen die Deutschen wegen der Risiken wie der Teufel das Weihwasser. So gibt es in Deutschland kaum eine Aktienkultur. Das liegt unter anderem daran, dass Banken erst Mitte der 90er-Jahre damit begonnen haben, Privatanlegern Aktien zu empfehlen, etwa die Telekom-Aktie. Es folgte eine kurze Phase der Euphorie, bis im Jahr 2000 die Kurse in den Sinkflug übergingen und der sogenannte „Neue Markt“ inklusive Telekom-Aktie zusammenbrach. Damit schwand auch das Vertrauen der Verbraucher – und letztlich hat sich das bis heute nicht geändert. Gut jeder dritte Deutsche hält das Risiko eines Aktieninvestments für zu hoch. Und für fast zwei Drittel ist Sicherheit das entscheidende Anlagekriterium.

Doch wer sich getraut hat, in Aktien zu investieren, ist in den vergangenen Jahren belohnt worden. Zum einen lag es daran, dass ausländische Anleger engagierter sind als die deutschen Aktienmuffel. Sie sorgen für eine lebhafte Nachfrage nach deutschen Aktien. Vier von fünf Dax-Aktien werden von Ausländern gehalten.

Hinzu kommt, dass rund sechs von zehn Dax-Aktien von so genannten institutionellen Anlegern gehalten werden. Das sind Banken, Versicherungen und Anlagefonds. Und die müssen Renditen erwirtschaften. Die erzielt man aber nicht, indem man Geld für Nullzinsen auf dem Tagesgeldkonto parkt. Mit anderen Worten: Institutionelle Anleger müssen in Aktien investieren – allein schon aus Mangel an echten Alternativen.

Wenn die deutschen Sparer diese Gedankengänge bis hierhin nachvollziehen können, müssten sie eigentlich eine eindeutige Schlussfolgerung ziehen: Solange die EZB bei ihrer Nullzinspolitik bleibt – und alles deutet darauf hin, dass das mindestens bis zum Ende der Amtszeit Draghis am 31. Oktober so bleibt – so lange ist es relativ ungefährlich, einen Teil seiner Ersparnisse in Aktien zu investieren. Profis tun das auch, denn sie haben keine Alternative. Noch nicht.

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