Plastikmüll – wie der Handel grüner werden will

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Die einen fahren weiter mit ihren SUV-Panzern durch die Gegend, die anderen kriegen schon ein schlechtes Gewissen, wenn sie im Supermarkt ihre Lebensmittel nur in Plastikverpackungen bekommen: Nachhaltigkeit ist aktuell stark in der Diskussion, auch was den riesigen Berg an Verpackungsmüll, angeht, den wir täglich produzieren. Der Handel, Konsumgüter- und Verpackungsindustrie lassen sich inzwischen einiges einfallen, um die Plastikflut einzudämmen und sich ein grüneres Image zu geben. Ob’s hilft?

Hilka Bergmann, Leiterin des Forschungsbereichs Verpackung und Versand beim Kölner EHI-Forschungsinstitut des Handels, hat für die Umweltaktivitäten ihrer rund 800 Mitgliedsfirmen drei Empfehlungen: Sie sollten RRR betreiben – will heißen, sie sollten die Vermeidung und Reduktion (reduce), die Wiederverwendbarkeit (reuse) und die Wiederverwertbarkeit (recycle) von Verpackungen anstreben. Allerdings gleicht das oft einer Quadratur des Kreises, denn einerseits soll die Recyclingfähigkeit von Verpackungen und der Einsatz recycelter Materialien erhöht werden, andererseits soll der Schutz der verpackten Produkte gewährleistet sein, die Verpackungen sollen „maschinengängig“ sein und nicht zuletzt auch noch die Verbraucher ansprechen.

Hilka Bergmann (Foto: EHI)

„Der Handel spielt bei diesem Thema eine sehr bedeutende Rolle“, sagt EHI-Forscherin Bergmann. „Zum einen schauen die Unternehmen in ihren Sortimenten, welche Verpackungen sich sinnvoll optimieren lassen – vor allem in den Bereichen Eigenmarken, Serviceverpackungen, Obst- und Gemüse, Convenience und E-Commerce. Zum anderen stellen sie Forderungen an die Industrie und tauschen sich mit Partnern entlang der Supply Chain aus, um ökologisch vorteilhaftere Verpackungen einzusetzen.“

Teilweise hätten sich Händler bereits mit anderen Unternehmen zu Initiativen zusammengeschlossen, um gemeinsam mehr bewirken zu können. Zusätzlich klärten Handelsunternehmen verstärkt die Kunden auf, welche Verpackungen ökologisch nachhaltig gestaltet seien, bei welchen Optimierungen vorgenommen wurden und wie Verpackungen getrennt und entsorgt werden müssten.

Die Kölner Rewe-Handelsgruppe zum Beispiel will bis Ende 2025 sämtliche Kunststoffverpackungen der Rewe und Penny Eigenmarken, die nicht vermieden werden können, recyclingfähig machen. Zudem wollen Rewe und Penny bis Ende 2025 insgesamt 20 Prozent weniger Kunststoff bei ihren Eigenmarkenverpackungen verwenden und bereits bis Ende 2020 für Papierverpackungen ausschließlich zertifizierte Rohstoffe einsetzen.

Aldi Nord und Aldi Süd haben laut Bergmann „Vermeiden, Wiederverwenden und Recyceln im Fokus“. Bis Ende 2022 sollen alle Eigenmarken-Produktverpackungen recyclingfähig sein. Zwei Drittel seien es bereits heute. Das Gesamtgewicht der Eigenmarken-Produktverpackungen soll bis zum Jahr 2025 um 30 Prozent im Vergleich zum Basisjahr 2015 reduziert werden.

Der dm drogerie-markt hat ein Forum Rezyklat gegründet, um sich gemeinsam mit Herstellern und Zulieferern dafür einzusetzen, Wertstoffkreisläufe entlang des gesamten Wertschöpfungsprozesses und bei der Kundschaft zu schließen. Partner des von dm initiierten Forums Rezyklat sind 34 Mitgliedsunternehmen, unter andrem machen auch Rossmann und Globus mit, sowie Konsumgüterhersteller, Entsorger und Verpackungsproduzenten.

Laut EHI-Forscherin Bergmann will auch der Onlinehandel künftig weniger überdimensionierte Verpackungen versenden. Firmen wie Otto oder Zalando dächten laut Bergmann zunehmend über Alternativen zu Kunststoffbeuteln und über Mehrweglösungen für die Versandverpackung nach. Bergmann: „Eine entscheidende Herausforderung liegt in der Verfügbarkeit von Rezyklaten. Aktuell existiert lediglich ein Kunststoff-Rezyklat-Standard für Lebensmittelverpackungen, Foodgrade genannt. Zur Erhöhung der Recyclingquote wäre es sinnvoll, für Verpackungen aus den Bereichen Kosmetik sowie Wasch-, Putz- und Reinigungsmittel weitere rechtsverbindliche Rezyklat-Standards zu definieren.“

Allerdings hat die Branche ein grundsätzliches Problem: Neuer, aus Rohöl gewonnener Kunststoff ist günstiger als recycelte Produkte. Der Einsatz von Rezyklaten soll aber den Kreislaufwirtschaftsgedanken und damit die Vermeidung von Verpackungsmüll fördern. „Zwischen der Recyclingfähigkeit, dem reduzierten Materialeinsatz und dem Produktschutz besteht teilweise ein Zielkonflikt“, räumt Bergmann ein, deshalb müsse für jeden Artikel individuell eine optimale Lösung gefunden werden. In der öffentlichen Diskussion sei häufig nur der Handel im Visier. Doch der könne nur gemeinsam mit Konsumgüterindustrie, Verpackungsindustrie, Entsorgungsunternehmen, den Konsumenten und der Politik versuchen, den Konsum weniger umweltschädlich zu gestalten.

Abfüllstationen sind im Trend (Foto: Carola Langer_pixelio.de)

Inzwischen zieht auch der Verkauf loser Ware Kreise – von den Pionieren der plastik- und verpackungsfreien Läden, die die mitgebrachten Behälter ihrer Kunden befüllen, über Bio-Ketten bis hinein in den klassischen Supermarkt und andere Handelssparten. Zurzeit wird der Unverpackt-Trend in vielen Handelssparten erkundet, in Feldversuchen getestet und durchaus kontrovers diskutiert, weil in der Praxis noch eine Reihe Hürden zu überwinden sind. Dennoch ist das Thema, dauerhaft befeuert durch Umweltproblematik und Verpackungsgesetz, hochgradig virulent.

Seit 2013 ist das verpackungsfreie Einkaufen von jungen StartUps zum Ladenkonzept erhoben worden, und inzwischen versuchen sich über hundert Stores daran, Nudeln, Reis, Cerealien und Hülsenfrüchte, Speiseöle und Essig, Spülmittel und sogar Weine mittels Abfüllstationen und Mehrwegbehältern zu verkaufen und darauf ein Geschäftsmodell zu gründen.

Auch der konventionelle Lebensmitteleinzelhandel will inzwischen auf diesen Zug aufspringen. Rewe, Edeka, M-Preis in Österreich, Alnatura und andere bieten in ihren Obst- und Gemüse-Abteilungen so genannte Veggiebags oder Mehrwegnetze an als Alternative zu den Knotenbeuteln aus Plastik an. Edeka hat Mitte 2018 ein Mehrwegsystem für die Frischetheken eingeführt: Einmalig erwirbt der Kunde eine Mehrwegdose, in der Wurst und Käse über die Theke gereicht werden. Beim nächsten Einkauf gibt er sie, ähnlich dem Pfandglas, in eine Sammelbox im Markt und erhält seine Ware in einer frischen Box, während die gesammelten Gefäße nach der Reinigung wieder an der Theke zur Befüllung bereitgestellt werden. Ein gleiches System hat auch die Spar-Handelskette in drei Filialen in der Steiermark eingeführt.

Auch die Bahn will weniger Verpackungsmüll produzieren. Die Bahn-Tochter Service Store DB hat im Dezember 2018 deutschlandweit in allen Service Stores zusätzlich zur Befüllung des eigenen Mehrwegbechers am Kaffeeautomaten eingeführt, eigene mitgebrachte Brotdosen beim Kauf von Backwaren zu befüllen. Eine Mehrweg-Brotbox aus Edelstahl ist ebenfalls erhältlich.

Die Baumarktkette Toom hat in seinem Kölner Pop-up-Store Mitte 2018 einen Lose-Verkauf von Blumenerde eingeführt, die in Papiertüten geschaufelt und abgewogen wird. In urbaner, innerstädtischer Lage seien die Kunden daran interessiert, schnelle und einfache Mitnahmeprodukte zu haben, heißt es bei Toom. In der Regel benötige man eher selten einen 20-Liter-Sack Erde für eine kleine Balkonbepflanzung, erklärt ein Toom-Manager. Der Einkauf nach Mengenbedarf sei gut angekommen, heißt es, werde aber vorerst nicht auf bestehende Filialen ausgeweitet, wo die Kunden mit dem Pkw vorfahren.

Alles gut und schön – aber es gibt noch eine Menge Probleme, zum Beispiel, was die Wartung und Hygiene bei Abfüllstationen im Lebensmittelhandel angeht. Und auch der Verbraucher muss letztlich mitspielen. Zwar geht aus Studien hervor, dass von 1.000 Befragten in Deutschland, Österreich und der Schweiz ganze 92 Prozent mehr Alternativen von Handel und Industrie erwarten und Möglichkeiten zur Wiederbefüllung von Verpackungen wünschen. Im Alltag sieht das aber noch ganz anders aus. Denn der Anteil von unverpackten Lebensmitteln am Gesamtumsatz des Lebensmittelhandels wird zurzeit noch nicht einmal in Promillegrößen messbar sein.

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