Wie weit darf Meinungsfreiheit gehen?
Geschrieben von rolf am 30. Juli 2010 | Abgelegt unter Medien
Auch wenn manche Leute den Schwanz eingekniffen haben und meinen, sie müssten vor der selbst ernannten Achse des Guten, die sich anmaßt, in Deutschland zu bestimmen, was politisch korrekt ist und was nicht, einen Kotau machen, möchte ich hier aus einem Aufsatz von Roman Serdar Mendle zitieren. Er studiert an der Ruhr-Universität Bochum und hat den 1. Preis eines deutsch-chinesischen Essay-Wettbewerbs gewonnen. Wer mit dem Fall nicht vertraut ist, kann diesen Blog-Eintrag getrost überblättern.
Die Meinungsfreiheit der Chinadissidenten
Wie die deutschen Medien die deutsch-chinesischen Beziehungen beeinflussen
Zusammenfassung
Die Beziehungen zwischen Deutschland und China sind sozial konstruiert und bestehen aus Meinungen und Bildern der beiden kollektiven Akteure voneinander. Die deutschen Medien spielen eine zentrale Rolle in diesem sozialen System, weil sie großen Einfluss auf die China-Wahrnehmung der deutschen Öffentlichkeit haben. Beispiele zeigen, dass die China-Berichterstattung der deutschen Medien stark vorurteilsbehaftet ist, weil ihr allgemeiner Konsens zur „richtigen“ Meinung über China so negativ ist, dass abweichende Meinungen in einigen Fällen sogar bestraft werden. Der Essay zeigt, dass zugunsten der Meinungsfreiheit in Deutschland differenziertere Chinadarstellungen zugelassen werden müssen und dass der Status Quo der deutschen Chinaberichterstattung stark verändert werden muss, damit diese zur Verbesserung der deutsch-chinesischen Beziehungen beitragen kann.
Aus dem Text:
“Der Skandal um die Deutsche Welle bleibt in diesem Zusammenhang jedoch der deutlichste Indikator für die Berichterstattungstendenz der deutschen Medien gegenüber China. Denn im Gegensatz zu Hennig verbreitete Zhang Danhong keine Fehlinformationen, die als Rechtfertigung für die harte Kritik an ihrer Berichterstattung hätten dienen können. Anders als bei der Zeitungsproblematik im Deutschen Haus ging es im Fall der Deutschen Welle auch nicht vordergründig um eine Fakten- oder Detailfrage, sondern explizit um das grundlegende Meinungsbild hinter der Chinaberichterstattung des deutschen Auslandsfunks. Daher war es vermutlich gerade dieser Fall, der zu einer lebhaften Diskussion um die “richtige” Meinung über China führte. Der zweite offene Brief an den Bundestag als Antwort auf den Brief des Autorenkreises zeigte jedoch, dass es auch Stimmen in Deutschland gibt, die für eine differenziertere Betrachtung Chinas eintreten und der tendenziell China-kritischen Meinung in Deutschland ihr selbstverliehenes Monopol auf Salonfähigkeit absprechen.
Dass diese Stimmen nicht als minoritäre Guerillatruppe pekingfreundlicher Chinakenner abgetan werden kann, zeigt auch der Ausgang des Deutsche Welle-Skandals. Als der Intendant Erik Bettermann vor dem Bundestag zu den Vorfällen um Zhang Danhong Stellung nehmen musste, bat er Ulrich Wickert, als unparteiischer Schiedsrichter ein unabhängiges Urteil über die Berichterstattung der China-Redaktion und der Abstrafung Zhangs zu fällen.
Sein Urteil fiel wie folgt aus: “Die Vorwürfe tendenziöser Berichterstattung gegen die journalistische Arbeit der chinesischen Redaktion bei der Deutschen Welle entbehren jeder Grundlage.” Wenn man soweit gehen würde, den Schiedsrichter Ulrich Wickert in diesem Fall als die Stimme der Meinungsfreiheit zu betrachten, dann könnte man sagen: Die Meinungsfreiheit ist nicht frei von Meinung, sondern steht für das Zulassen aller Meinungen.
Das entspricht ungefähr dem, was die 65 Unterzeichner des zweiten Briefes an den Bundestag fordern – der Akzeptanz eines differenzierteren Chinabildes. Was die Frage nach der Einflussrichtung der Deutschen Medien auf die deutsch-chinesischen Beziehungen angeht, lässt sich angesichts der angeführten Beispiele sagen, dass die deutschen Medien einen überwiegend kritischen Standpunkt gegenüber China einnehmen und tendenziell negative Bilder zur China-Wahrnehmung der deutschen Öffentlichkeit beisteuern.
Dieser Konsens der deutschen Medien, wie China dargestellt werden soll, ist so stark, dass China-freundliche Berichterstattung in einigen Fällen sogar bestraft wurde. Angesichts der Kritik an solchen Vorgehensweisen und der Forderung einiger Stimmen, auch andere Meinungen zuzulassen, scheint jedoch auch Potenzial und Nachfrage für eine facettenreichere China-Berichterstattung in Deutschland vorhanden zu sein.”
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