Eigentor: Amis zahlen Trumps Zölle selbst

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Entgegen der Rhetorik der US-Regierung bleiben die Kosten der US-Strafzölle nicht an Exporteuren im Ausland hängen, sondern treffen die amerikanische Wirtschaft selbst. Importeure und Verbraucher in den USA tragen 96 Prozent der Zolllast, zeigen neue Forschungen des Kieler Instituts für Weltwirtschaft.

Die US-Regierung wollte mit Zöllen ausländische Unternehmen treffen – in der Praxis schadet sie jedoch der eigenen Wirtschaft. „Die Zölle sind ein Eigentor“, sagt Julian Hinz, Forschungsdirektor am Kiel Institut und Mitautor der Studie. „Die Behauptung, dass ausländische Staaten diese Zölle tragen, ist ein Mythos. Die Daten zeigen das Gegenteil: Die Amerikaner bezahlen die Rechnung.“ Die Zölle wirken wie eine Konsumsteuer auf importierte Waren. Gleichzeitig sinken Vielfalt und Volumen der verfügbaren Güter.

Das Forschungsteam hat über 25 Millionen Lieferungsdatensätze mit einem Gesamtwert von fast vier Billionen US-Dollar an US-Importen analysiert. Die Ergebnisse sind eindeutig: Die US-Zolleinnahmen stiegen 2025 um etwa 200 Milliarden US-Dollar. Allerdings: Ausländische Exporteure nahmen nur etwa vier Prozent der Zolllast auf ihre Kappe, 96 Prozent wurden an US-Käufer weitergegeben. Und: Das Handelsvolumen ist eingebrochen, doch die ausländischen Exporteure haben ihre Preise nicht gesenkt.

In der Studie haben die Autoren auch die unerwarteten Zollerhöhungen gegen Brasilien und Indien im August 2025 untersucht: Dabei stützten sie sich auf Daten von offiziellen Statistiken des US Census Bureau, auf indische Zollaufzeichnungen sowie auf Daten von Panjiva, einer globalen Datenplattform mit Sitz in den USA, die sich auf Handelsdaten und Supply-Chain-Informationen spezialisiert hat. Demnach stiegen für Brasilien die Zölle auf 50 Prozent, für Indien von 25 auf 50 Prozent. Auch hier zeigen die Daten: Ausländische Exporteure senkten ihre Preise nicht, um die zusätzlichen Zölle abzufedern. Wären die Zölle von den Exporteuren getragen worden, hätten sich deren US-Preise im Vergleich zu anderen Absatzmärkten deutlich reduziert – das ist jedoch nicht der Fall.

„Wir haben indische Exporte in die USA mit Lieferungen nach Europa oder Kanada verglichen und ein klares Muster erkannt“, erklärt Hinz. „Exportwert und -menge nach Amerika sanken deutlich, um bis zu 24 Prozent. Aber die Stückpreise – die Preise, die indische Exporteure verlangen – blieben unverändert. Sie lieferten weniger, nicht billiger.“

Unter dem Strich bedeuten die Studienergebnisse: In den USA sehen sich Unternehmen durch die Zölle langfristig mit sinkenden Margen und Verbraucher mit höheren Preisen konfrontiert. Exportierende Länder mit Fokus auf die USA verkaufen weniger und stehen unter dem Druck, neue Exportmärkte zu finden. „Die Zölle bringen langfristig Nachteile für alle“, sagt Hinz.

Die Studie trägt den Titel „America’s Own Goal: Who Pays the Tariffs? “ von Julian Hinz, Aaron Lohmann, Hendrik Mahlkow und Anna Vorwig. Man kann sie hier

https://www.kielinstitut.de/fileadmin/Dateiverwaltung/IfW-Publications/fis-import/558c52f8-cdf0-4859-bf3b-4f80070ff1b8-KPB201_DE.pdf

herunterladen.

Für drei von vier Deutschen kommt Tesla nicht infrage

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Trotz steigender Nachfrage nach E-Autos können sich nur noch wenige Deutsche vorstellen, einen Tesla zu kaufen. Das zeigt eine Befragung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Zusammenarbeit mit der Forschungsgruppe REXKLIMA (TU Dresden).

Mehr als 75 Prozent der deutschen Bevölkerung lehnen grundsätzlich ab, ein Elektroauto des US-Herstellers Tesla zu kaufen. Das zeigen Zahlen aus der IW-Personenbefragung, für die im vergangenen Sommer 1.781 Personen befragt worden sind. Demnach kommt für fast 60 Prozent der Deutschen der Kauf eines E-Autos von Tesla überhaupt nicht in Frage, für gut 16 Prozent eher nicht.

Besonders gering ist die Kaufbereitschaft bei Grünen-Anhängern. Deutsche Hersteller profitieren davon. Fast 40 Prozent können sich vorstellen, das Modell eines deutschen Autobauers zu kaufen, nur etwa 42 Prozent lehnen den Kauf ab. Knapp jeder Vierte erwägt den Kauf eines Modells eines chinesischen Herstellers. Selbst der größte Elektroauto-Hersteller der Welt, der chinesische Konzern BYD, kam im letzten Jahr jedoch nur auf zwei Prozent der Neuzulassungen in Deutschland.

Die Parteienpräferenz hat einen starken Einfluss auf die Kaufabsicht für ein Elektroauto. Er ist stärker als der von Alter, Einkommen oder dem Wohnort. Unter Grünen-Anhängern ist die Bereitschaft, ein Elektroauto zu kaufen, mit rund 64 Prozent am höchsten. Ein Tesla kommt für sie jedoch kaum infrage: Nur etwa jeder Zehnte kann sich den Kauf eines Modells des US-Herstellers vorstellen. Etwa 22 Prozent der Grünen-Anhänger geben an, bereits ein Elektroauto oder Plug-in-Hybrid zu besitzen.

Selbst unter AfD-Anhängern kann Tesla nicht von der Tatsache profitieren, dass Tesla-Eigner Elon Musk offenen diese Partei unterstützt. Für nicht mal 15 Prozent der Parteianhänger kommt ein Tesla in Frage. Allerdings stößt die Elektromobilität in dieser Gruppe insgesamt auf wenig Zustimmung. Nicht einmal jeder Fünfte kann sich den Kauf eines Elektroautos vorstellen, mehr als zwei Drittel lehnen einen Kauf grundsätzlich ab.

„Elon Musk hat sich auf dem europäischen Markt seine Zielgruppe verprellt. Diese Lücke füllen nun deutsche Hersteller“, sagt IW-Experte Matthias Diermeier. Ausschlaggebend für den Kauf eines Elektroautos sind weiterhin die politischen Einstellungen des Käufers: „Die Elektromobilität ist neben Windrädern und Wärmepumpen ein weiteres Beispiel für die parteipolitische Aufladung von Klimapolitik in Deutschland.“

Die Auswertungen basieren auf der IW-Personenbefragung im Auftrag des Instituts der deutschen Wirtschaft. Über das Online-Access-Panel von Bilendi & respondi wurden insgesamt 5.392 Menschen ab 18 Jahren in Deutschland im Rahmen einer Mehrthemen-Umfrage online zwischen dem 25. Juni und dem 3. Juli 2025 befragt. Die Befragung ist quotenrepräsentativ in den Merkmalen Einkommen, Wohnort nach Bundesland und Geschlecht und Alter.

Hier gehts zur Studie.

Mit Trump verhandeln? Zeitverschwendung!

Wie lange noch regiert der Dollar die Welt? Foto: Rolf Wenkel

In Davos hat Trump seine jüngsten Zoll-Drohungen zurückgenommen. Das sorgte erst mal für Erleichterung. Doch viele Ökonomen halten das für verfrüht. Denn Trumps Entscheidungen sind weder strategisch noch verlässlich. 

 

„Eklat in Davos: Verwirrter alter Mann stürmt Podium und pöbelt eine Stunde lang herum“, titelt das Satireportal „Der Postilion“, „A howl of frustration on the part of a mad dictator who has just realized that he can’t send in the Marines“, schreibt der us-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Paul Krugman über Trumps Auftritt in Davos – frustriertes Geheul eines wahnsinnigen Diktators also. Immerhin sind die neuesten Zollandrohungen vorerst vom Tisch. Doch das ist kein Grund zum Aufatmen, sagt zum Beispiel Gustav A. Horn – im Gegenteil.

Der ehemalige wissenschaftliche Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) warnt: „Wem es vorher noch nicht klar war, sollte es spätestens jetzt wissen: Donald Trump versteht Zölle nicht nur als ökonomisches Instrument zu Überwindung tatsächlich oder vermeintlich unfairer Handelspraktiken der globalen Konkurrenz, sondern als generelles politisches Druckmittel, das im Konfliktfall jederzeit anwendbar ist.“

Das müsse Konsequenzen für die europäische und insbesondere die deutsche Wirtschaftspolitik haben, schreibt Horn auf seiner Webseite. „Eine wesentliche ist, solange die gegenwärtige US Regierung ihre globale machtpolitische Strategie ungehindert vom US Kongress ausspielen kann, ist jedes Abkommen mit den USA nicht mehr als Schall und Rauch. Das gilt auch für die Übereinkunft, die nun in Davos tatsächlich oder vermeintlich geschlossen wurde. Morgen kann alles schon wieder ganz anders sein.“

Bis zu den Midterm-Wahlen im November müssten sich Europäer und vor allem Deutsche darauf einrichten, dass „jede Verhandlung mit den USA über Handels- und andere Abkommen Zeitverschwendung“ ist. Stattdessen müsse sich Europa dringend besser auf die ökonomischen Machtspiele autokratischer Supermächte vorbereiten. Und dazu gehöre die gerade für die deutsche Wirtschaft recht unangenehme Erkenntnis, „dass unser Wohlstandsmodell eines primär Export getriebenen Wachstums in diesem Zeitraum im Grundsatz nicht funktionieren wird. Es gilt bestenfalls nur noch für einen eingeschränkten Kreis von primär europäischen Handelspartnern“.

Horn rät den Europäern, so schnell wie möglich für eine stabile und dynamische Binnennachfrage zu sorgen, „um in einem konfliktträchtigen wirtschaftlichen Umfeld wieder stärker zu werden und den aus den Konflikten resultierenden Nachfrageausfall zu bekämpfen. Das schafft nicht nur Wachstum, sondern auch Sicherheit“.

Dass Horn eine nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik fordert, ist kein Zufall. Er ist Vorsitzender der Keynes- Gesellschaft und hat von 2005 bis 2019 das Forschungsinstitut der Gewerkschaften bei der Hans-Böckler-Stiftung in Düsseldorf geleitet. Der britische Ökonom John Maynard Keynes argumentierte im vergangenen Jahrhundert, dass die gesamtwirtschaftliche Nachfrage die Wirtschaftstätigkeit bestimmt und eine zu geringe Nachfrage zu hoher Arbeitslosigkeit führen könnte. Er empfahl, mit einer expansiven Haushalts- und Geldpolitik die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zu stärken und damit die nachteiligen Auswirkungen wirtschaftlicher Rezessionen abzumildern. Seine Lehren kamen leider in den 1970er-Jahren aus der Mode.

Apropos expansiv, oder deutlicher, kreditfinanzierte Ausgabenprogramme  – ja, schreibt Horn, aber: „Zwar dehnen viele europäische Länder, besonders Deutschland, ihre Rüstungsausgaben aus. Aber da ein Großteil der Ausgaben in die USA geht und die stimulierende Wirkung von Rüstungsausgaben sehr begrenzt ist, hilft dies nur wenig. Die Überprüfung des Mercosur Abkommens zeigt zudem, dass die Mehrheit der Abgeordneten des Europäischen Parlaments die Notwendigkeit dringlichen Handelns noch nicht verstanden hat.“ Mögliche Nachteile aus diesem Abkommen für einzelne Gruppen seien nichts im Vergleich mit den Nachteilen für die europäische Gesamtwirtschaft durch unterdrückende Machtspiele der Supermächte.

Insgesamt ein sehr empfehlenswerter Aufsatz, den man hier nachlesen kann.

 

 

Deutsche Unternehmen meiden USA

Die Axt im Walde hinterlässt nur Industriebrachen statt Arbeitsplätze Foto: Rolf Wenkel

Die Bilanz nach einem Jahr Trump 2.0 fällt bitter aus: Deutsche Unternehmen investieren weniger in den USA, zugleich gehen die deutschen US-Exporte zurück, zeigt eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Das schadet nicht nur der deutschen Wirtschaft, sondern auch den USA.

 

So sind die deutschen Zuflüsse von Direktinvestitionen in die USA seit dem Amtsantritt von Trump um rund 24 Prozent gesunken und die deutschen US-Exporte um fast neun Prozent eingebrochen. Das schafft Verluste auf beiden Seiten, schreiben die Autoren der IW-Studie. Das „America first“-Prinzip ziehe einen beispiellosen Protektionismus nach sich, der die Welthandelsordnung auf den Kopf stelle, schreiben die Autoren weiter. Denn auch wenn die am sogenannten „Liberation Day“ angedrohten Zölle letztlich nicht in voller Härte realisiert worden seien, liege der durchschnittliche effektive Importzollsatz der USA mit 14,4 Prozent auf einem historisch hohen Niveau.

Die jüngsten Drohungen Trumps mit Zusatzzöllen für einige EU-Mitgliedstaaten wegen der Entsendung von Beobachtern nach Grönland zeigten, wie unberechenbar Trumps Politik bleibe. Und das sei eigentlich noch schlimmer als die Zölle selbst. Diese Unberechenbarkeit habe spürbare Auswirkungen auf die engen und gewichtigen deutsch-amerikanischen Wirtschaftsbeziehungen, etwa bei den Direktinvestitionen und im Handel.

Viele deutsche Unternehmen seien seit langem in den Vereinigten Staaten präsent, investierten dort und schafften Arbeitsplätze. Doch die große wirtschaftspolitische Unsicherheit infolge des oftmals erratischen Agierens der US-Administration hemme unternehmerische Entscheidungen. Wer etwa eine Investition plane, kalkuliere meist über mehrere Jahre. „Wenn aber die Grundannahmen des wirtschaftlichen Umfelds teils von heute auf morgen fundamental infrage gestellt werden, wagen die wenigsten Unternehmen solch weitereichende Entscheidungen, sondern warten zunächst ab.“

Genau das legen auch die Zahlen der Deutschen Bundesbank zu den deutschen Direktionsinvestitionsflüssen in die USA nahe. Betrachtet man den Zeitraum seit dem Amtsantritt von Trump von Februar 2025 bis November 2025, so haben deutsche Unternehmen insgesamt rund 10,2 Milliarden Euro in den USA investiert. Im Vorjahreszeitraum waren es noch fast 19 Milliarden Euro. Die deutschen Direktinvestitionsflüsse in die USA sind demnach also seit dem Amtsantritt von Trump im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um rund 45 Prozent gesunken.

Wörtlich heißt es in der Studie: „Wer sich dazu entschließt, große Summen zu investieren, braucht Verlässlichkeit und Planbarkeit. Beides ist im Moment in den USA nicht gegeben.“ Versprochen hatte Trump ja seinen Wählern, die industrielle Basis und damit Arbeitsplätze wieder in die USA zurückzuholen –unter anderem auch durch Investitionen ausländischer Unternehmen. „Dieses Kalkül scheint bisher mit Blick auf Investitionen aus Deutschland nicht aufzugehen“, schreiben die IW-Wissenschaftler.

Noch viel direkter ist die deutsche Wirtschaft von der erratischen US-Zollpolitik betroffen. Entsprechend stark gehen die deutschen Ausfuhren in die Vereinigten Staaten seit dem Amtsantritt von Trump zurück. So sind diese zwischen Februar 2025 und Oktober 2025 im Vergleich zum Vorjahr um rund 8,6 Prozent zurückgegangen. Das ist – mit Ausnahme der Corona-Pandemie – der stärkste Rückgang seit 2010.

In einzelnen Branchen sind die deutschen Exporte in die Vereinigten Staaten noch einmal erheblich stärker ein-gebrochen. So sind etwa die Ausfuhren von Kraftwagen und Kraftwagenteilen in die USA zwischen Februar und Oktober 2025 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um fast 19 Prozent gesunken, beim Maschinenbau sind es zehn Prozent und bei den chemischen Erzeugnissen haben die Exporte in die USA um mehr als zehn Prozent abgenommen.

„Die Zollpolitik hat aber auch negative Konsequenzen für die USA selbst“, schreiben die Autoren, „gerade weil der transatlantische Wirtschaftsraum so eng verflochten ist und die USA auch abhängig sind von den Importen aus der EU“. Denn durch die Importzölle wer-den viele Produkte und Vorprodukte teurer. Das trägt dazu bei, dass die Inflation im Land weit über dem angestrebten Ziel von zwei Prozent verharrt.

Fazit der Autoren: Trumps erratische Wirtschaftspolitik schade nicht nur der deutschen Wirtschaft, sondern habe auch  erkennbar negative Auswirkungen auf die USA selbst. „Unterm Strich muss man somit sagen: Die bisherige Bilanz von Trump 2.0 ist für beide Seiten des Atlantiks bitter.“

Die ganze Studie gibt es hier als PDF.

Migration erhöht Gewerbeanmeldungen

Bild: S. Hofschlaeger / pixelio.de

Nach Deutschland geflüchtete oder aus anderen Gründen zugezogene Menschen melden anteilmäßig mehr Gewerbe an und schaffen mehr Arbeitsplätze als die zugrunde liegende heimische Bevölkerung. Das geht aus einer neuen Studie des Münchener ifo Instituts hervor – und sollte allen Leuten, die die AfD aus Angst vor Fremden wählen, doch etwas zu denken geben.

 

„Durch den Zuzug von Geflüchteten entsteht vielerorts Bedarf für neue Geschäftsmodelle, zum Beispiel im Bereich Gesundheit oder Finanzdienstleistungen“, sagt ifo-Forscher Sebastian Schirner. „Gleichzeitig steigt mittelfristig das Angebot an Arbeitskräften, was für potenzielle Gewerbetreibende attraktiv ist.“

Der Studie zufolge führt ein Anstieg von 100 Geflüchteten pro 10.000 Einwohner zu durchschnittlich sieben zusätzlichen Gewerbeanmeldungen mit 27 neuen Arbeitsplätzen. Das entspricht einem Anstieg bei den Gewerbeanmeldungen von 7,9 Prozent im Vergleich zu den durchschnittlichen Anmeldungen in einem durchschnittlichen Landkreis. Die entstehenden Unternehmen konzentrieren sich auf die Bereiche Verkehr, Gesundheit, das verarbeitende Gewerbe sowie auf Finanzdienstleistungen. Durch neue Gewerbeanmeldungen und bestehende Firmen entstehen durch den Zuzug von 100 Geflüchteten auf 10.000 Einwohner insgesamt 109 zusätzliche Arbeitsplätze. Davon entfallen drei Viertel auf bereits bestehende Unternehmen. Dabei handelt es sich vor allem um Vollzeitstellen.

Die Studie basiert auf Daten einer Sonderauswertung der Gewerbeanzeigenstatistik auf Kreisebene zwischen 2007 und 2021. Die Zahl der Geflüchteten auf Landkreisebene wird mit Daten des Ausländerzentralregisters gemessen. Die Forscher nutzten außerdem die offiziellen Zuteilungsquoten. Diese Quoten bestimmen, wie viele Geflüchtete ein Landkreis theoretisch aufnehmen sollte. Darauf basierend bestimmt die Studie die kausalen Effekte des Zuzugs von Geflüchteten auf die Zahl der Unternehmensgründungen und Arbeitsplätze.

Die überwiegende Mehrheit der neuen Gewerbe wird nicht von Geflüchteten oder anderen Ausländern oder Ausländerinnen, sondern von Deutschen angemeldet.

Das deutet darauf hin, dass Geflüchtete sowohl das Arbeitsangebot erhöhen (Anmeldungen im Verkehr und im Verarbeitenden Gewerbe) als auch nachfrageseitige Effekte auslösen (Anmeldungen in den Bereichen Gesundheit und Finanzdienstleistungen). Der nachfrageseitige Effekt tritt unmittelbar ein und bleibt auch danach bestehen.

Im Gegensatz dazu ist der angebotsseitige Effekt erst in späteren Jahren sichtbar. Dies erscheint plausibel, da es einige Zeit dauert, bis Geflüchtete eine Arbeitserlaubnis erhalten. Durch die geplanten Angestellten der Gewerbeanmeldungen lässt sich näherungsweise die Schaffung von zusätzlichen Arbeitsplätzen abschätzen. Ein Zuzug von zehn Geflüchteten pro 1 000 Einwohner*innen führt zu 2,7 neuen Vollzeitstellen pro 1 000 Einwohner.

Den Aufsatz: „Migrantische Unternehmensgründungen“, von Clara Albrecht, Ahmet Erdem Bayram, Zohal Hessami, Sebastian Schirner und Clara Wobbe kann man hier abrufen:  https://www.ifo.de/publikationen/2025/aufsatz-zeitschrift/ifo-migrationsmonitor-migrantische-unternehmensgruendungen

Oder als PDF herunterladen: https://www.ifo.de/DocDL/sd-2025-12-albrecht-etal-migrationsmonitor-unternehmensgruendungen.pdf

 

Bessere Bildung brächte Milliardenrenditen

Bleibt das so in Deutschland? Foto: Traumwelten / pixelio.de

Bessere Bildung kann Menschen dazu befähigen, sich als selbständige Individuen an der Gesellschaft zu beteiligen. Sie kann ein gemeinsames Wertesystem und den sozialen Zusammenhalt stärken. Außerdem kann sie der reinen Freude dienen, unser Verständnis der Welt zu erweitern. Aber auch aus volkswirtschaftlicher Sicht haben gerade die Basiskompetenzen einen wesentlichen Einfluss darauf, wie erfolgreich die Einzelnen am Arbeitsmarkt sind – und wie sich die gesamte Volkswirtschaft eines Landes in der Zukunft entwickelt.

Die Zahl eine Billion steht im deutschsprachigen und kontinentaleuropäischen Sprachgebrauch für die Zahl 1000 Milliarden oder 1.000.000.000.000 = 1012, im Dezimalsystem also für eine Eins mit zwölf Nullen – so ist es bei Wikipedia nachzulesen. Und jetzt bitte anschnallen: Deutschlands Wohlstand könnte in fünf Jahrzehnten um sage und schreibe 6700 Milliarden, also 6,7 Billionen Euro größer sein, wenn wir gezielt in unser Bildungssystem investieren würden.

Das haben die Bildungsökonomen Katia Werkmeister und Ludger Wößmann vom Münchener Ifo-Institut in einer Modellrechnung herausgefunden, für den Fall, dass drei messbare Bildungsziele in die Tat umgesetzt werden, die drei Landesbildungsministerinnen unterschiedlicher Parteizugehörigkeit im Frühjahr formuliert haben. Und es kommt noch besser: Ein Kind, das heute geboren wird, könnte im Verlauf seiner Lebenserwartung von knapp 21 Billionen Euro an zusätzlicher Wirtschaftleistung profitieren.

Anfang 2025 hatten die Bildungsministerinnen der Länder Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg – Stefanie Hubig (SPD), Karin Prien (CDU) und Theresa Schopper (Bündnis90/Die Grünen) – einen „parteiübergreifenden Impuls für messbare Bildungsziele“ erarbeitet. Unter dem Titel „Bessere Bildung 2035“ haben sich die Ministerinnen darauf verständigt, den Erfolg ihrer Bemühungen an folgenden Indikatoren zum Leistungsstand der Schülerschaft  messbar zu machen: Erstens soll die Zahl der Schülerinnen und Schüler die die Mindeststandards in Deutsch und Mathematik nicht erreichen, halbiert werden – Stichwort „Bildungsminimum absichern“.

Zweites Stichwort „Bildungsniveau steigern“: Die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die die Regelstandards in Deutsch und Mathematik erreichen oder übertreffen, soll um mindestens 20 Prozent gesteigert werden. Und schließlich soll, drittens, die „Leistungsspitze gefördert“ werden: Die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die so genannte „Optimalstandards“ in Deutsch und Mathematik erreichen, soll um 30 Prozent gesteigert werden.

„In wenigen Jahrzehnten generiert bessere Bildung messbare ökonomische Erträge, die Staat und Gesellschaft spürbar stärken“, sagt Ludger Wößmann, Leiter des ifo Zentrums für Bildungsökonomik. Allerdings sei die Wirkung nicht linear. So müsse erst investiert werden, nach rund 50 Jahren läge der kumulierte Wert der Verbesserungen dann bei etwa 6,7 Billionen Euro, nach 80 Jahren bei 20,9 Billionen Euro – das wäre etwa das Fünffache des heutigen Bruttoinlandsprodukts.

Die empirische Wirtschaftsforschung belegt einen engen Zusammenhang zwischen den Bildungsleistungen der Bevölkerung und dem volkswirtschaftlichen Wachstum. Alle Bundesländer würden durch das Erreichen der Bildungsziele erheblich an Wirtschaftsleistung gewinnen, beispielsweise Nordrhein-Westfalen 4,9 Billioneno. Euro, Baden-Württemberg 3,0 und Bayern 2,8 Billionen. Euro. Für die einzelnen Bundesländer liegt das zusätzliche BIP zwischen dem 3,5- und dem 7,6-Fachen des heutigen BIP. Dabei profitieren Länder wie Bremen und Berlin am meisten, in denen die aktuellen Bildungsleistungen am niedrigsten sind. „Diese volkswirtschaftlichen Renditen verdeutlichen, wie sehr es sich lohnt, wenn politische Entscheidungsträger eine Verbesserung der Bildungsergebnisse priorisieren“, schreibt das Ifo-Institut in einer Pressemitteilung.

Die ganze Studie kann man sich hier als PDF (15 Seiten) herunterladen.

 

 

Droht uns eine Chip-Krise?

Grafik: Bitkom

Deutschlands Versorgung mit Halbleitern könnte aufgrund geopolitischer Krisen stark gefährdet sein – so die in der Wirtschaft weit verbreitete Meinung. 92 Prozent der Unternehmen, in denen intensiv mit Halbleitern gearbeitet wird, halten insbesondere die Drohungen Chinas gegenüber Taiwan mit Blick auf die Halbleiterversorgung in Deutschland für besorgniserregend. Und das Vertrauen in die USA schwindet.

Das sind die Ergebnisse einer repräsentativen Befragung im Auftrag des Digitalverbands Bitkom unter 503 Unternehmen ab 20 Beschäftigten aus verarbeitendem Gewerbe, der IT und Telekommunikation – also Branchen, in denen Halbleiter stark genutzt werden.

Rund zwei Drittel haben kein Vertrauen in die USA

Nur noch 37 Prozent der Unternehmen, die Halbleiter verwenden, vertrauen den USA in Sachen weitere Versorgung mit Chips. Knapp die Hälfte (48 Prozent) hat dagegen „eher geringes Vertrauen“ und 14 Prozent „gar kein Vertrauen“ in die Vereinigten Staaten. „Halbleiter stehen im Mittelpunkt internationaler Wirtschaftskonflikte“, so wird Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst in einer Pressemitteilung zitiert. „Wir brauchen daher ein starkes Ökosystem von Unternehmen rund um Halbleiter in Deutschland und Europa. So können wir Abhängigkeiten reduzieren und sind weniger erpressbar.“

Neun von zehn Unternehmen verwenden Halbleiter, acht von zehn halten sie für unverzichtbar. Wer im Jahr 2025 Halbleiter bereits gekauft hat oder dies noch tut, bezieht diese vor allem von Unternehmen, die ihren Hauptsitz in den USA (72 Prozent) und in China haben (63 Prozent). Auf Platz Drei liegen Halbleiter-Unternehmen mit dem Hauptsitz in Deutschland (54 Prozent), auf Platz Vier in Japan (36 Prozent). 28 Prozent beziehen ihre Halbleiter von Unternehmen mit Sitz in Taiwan, 27 Prozent von südkoreanischen Unternehmen und 26 Prozent aus der restlichen EU.

„Halbleiter stecken in Smartphones, in Medizintechnik, in Autos, Industrieanlagen, Rechenzentren und Kommunikationsnetzen – ohne sie stünden viele Bereiche unseres Lebens still“, so Wintergerst. „Ihre Herstellung beruht auf einem hochkomplexen globalen Produktionsnetzwerk, in dem viele Länder eng verflochten sind.“ Nicht nur China und die USA, sondern auch Taiwan spielt dabei eine zentrale Rolle für Entwicklung und Produktion der leistungsfähigsten Chips. Ein Konflikt um Taiwan würde daher weit über die Region hinaus die weltweite Chipversorgung massiv stören.

So fordern 90 Prozent der befragten Unternehmen, Deutschland müsse einseitige Abhängigkeiten bei der Halbleiterversorgung beenden. 86 Prozent halten ein starkes Halbleiter-Ökosystem wichtig für die nationale Sicherheit und 85 Prozent für entscheidend, wenn es um die digitale Souveränität Deutschlands geht. Den Status-quo der Halbleiter-Versorgung erleben die Unternehmen weiterhin als schwierig, wenn auch weniger problematisch als 2023 und 2021. So hatten 60 Prozent derjenigen, die in diesem Jahr bereits Halbleiter gekauft haben, Schwierigkeiten bei der Beschaffung – 2023 sagten dies noch 89 Prozent und 81 Prozent im Jahr 2021.
Durchschnittlich 4 Monate Lieferverzögerung

Die Schwierigkeiten bleiben aber vielfältig: 96 Prozent der von Beschaffungsproblemen betroffenen Unternehmen leiden unter Lieferverzögerungen, 91 Prozent sind mit Preiserhöhungen konfrontiert. Für 84 Prozent sind bestimmte Bauteile teilweise nicht verfügbar, bei 75 Prozent wurden die Liefermengen reduziert. Zwei Drittel (67 Prozent) haben mit Export- oder Importbeschränkungen zu kämpfen. Rund vier Monate beträgt aktuell die durchschnittliche Lieferverzögerung bei Halbleitern in Deutschland. Damit hat sich die Verzögerung leicht abgemildert, bleibt aber auf hohem Niveau: Vor zwei Jahren waren es 5 Monate, 2021 noch 6,5 Monate. Wintergerst: „Die Lage auf dem Halbleitermarkt bleibt angespannt – auch wenn sich die schlimmsten Engpässe der vergangenen Jahre gelöst haben. Lieferverzögerungen, Preissprünge und Exportbeschränkungen bleiben Bremsklötze für die deutsche Industrie. Um dauerhaft unabhängiger zu werden, braucht es mehr europäische Fertigungskapazitäten, strategische Partnerschaften und gezielte Maßnahmen, die die gesamte Wertschöpfungskette in den Blick nehmen. Dass die Bundesregierung dieses Problem mit einer eigenen Mikroelektronik-Strategie angehen will, ist daher ein wichtiger Schritt.“

Der Umgang mit Lieferanten aus den USA ist für viele Unternehmen, die dort Halbleiter kaufen oder kaufen wollen, von Unsicherheiten unter anderem durch die amerikanische Handelspolitik geprägt. 15 Prozent geben bereits jetzt an, künftig keine Halbleiter mehr aus den USA beziehen zu wollen – 13 Prozent definitiv, zwi Prozent wahrscheinlich. Weitere 21 Prozent würden gern anderswo Halbleiter beziehen, haben aber keine gleichwertigen Alternativen gefunden. 14 Prozent wollen weiter von amerikanischen Unternehmen kaufen, obwohl es für sie gleichwertige Alternativen gibt – und 31 Prozent werden wahrscheinlich Halbleiter von Unternehmen beziehen, die ihren Sitz in den USA haben.

Vier von zehn rechnen mit kritischer Versorgungslage 2026

Groß ist die Unsicherheit und damit auch die Unentschiedenheit der Unternehmen, die Halbleiter verwenden, bei einem Ausblick auf das kommende Jahr. 42 Prozent rechnen damit, dass die Versorgungslage 2026 entweder sehr kritisch (5 Prozent) oder eher kritisch (37 Prozent) sein wird. 55 Prozent gehen von einer eher guten (53 Prozent) oder sehr guten (2 Prozent) Versorgungslage aus. Viele Unternehmen, die Halbleiter verwenden, haben sich auf den anhaltenden Chip-Mangel eingestellt und strategische Maßnahmen ergriffen, um ihn abzumildern. Mehr als die Hälfte (56 Prozent) lagert Halbleiter ein bzw. baut eigene Bestände auf. 52 Prozent haben langfristige Vereinbarungen mit Lieferanten bzw. Anbietern getroffen. 44 Prozent suchen nach alternativen Lieferanten, z.B. in anderen Ländern und ebenso viele (44 Prozent) haben eine Multi-Vendor-Strategie aufgebaut, kaufen ihre Halbleiter-Bauteile also bei mehreren statt nur bei einem Anbieter.

Flüchten Investoren vor Trump?

Foto: Horst Schröder / pixelio.de

Profitieren wir vom Trump-Effekt? Ausländische Unternehmen haben in diesem Jahr so viel in Deutschland investiert wie lange nicht, zeigt eine neue Auswertung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), die auf Zahlen der Deutschen Bundesbank beruht. „In unsicheren Zeiten scheint Deutschland für Investoren verlässlicher zu sein als die USA“, schreibt das IW.

Von Januar bis Juli 2025 sind 334 Milliarden Euro nach Deutschland geflossen. Das ist mehr als das Zweieinhalbfache des Durchschnitts der vergangenen zehn Jahre (126 Milliarden Euro) und der zweithöchste Wert seit 2014. Besonders deutlich zeigt sich der Anstieg bei den Direktinvestitionen: In den ersten sieben Monaten dieses Jahres investierten ausländische Unternehmen rund 68 Milliarden Euro, 2024 waren es im gleichen Zeitraum nur knapp 49 Milliarden Euro. Zwar legten auch die Auslandsinvestitionen deutscher Firmen stark zu – von 52 Milliarden im ersten Halbjahr 2024 auf 76 Milliarden Euro im gleichen Zeitraum 2025. Unterm Strich ergibt sich nur noch ein geringes Defizit von weniger als acht Milliarden Euro.

Grafik: IW

„Die neuen Zahlen könnten ein erstes Anzeichen für einen Umschwung bei der Wirtschaftsstimmung und damit ein Hoffnungsschimmer für die ersehnte wirtschaftliche Erholung sein“, schreibt das IW. Gut möglich sei aber auch, dass Investoren schlichtweg keine besseren Alternativen sähen: In China wachse die politische und wirtschaftliche Unsicherheit, in den USA sorge Donald Trump für ständige Irritationen, Frankreich steck politisch fest und drohe in eine Schuldenkrise zu geraten, die Briten litten unter hoher Inflation und hohen Staatsdefiziten. Im Vergleich dazu wirke Deutschland trotz der Stagnation noch relativ stabil – wie der Einäugige unter den Blinden.

In diesen unsicheren Zeiten zählten offenbar die alten deutschen Tugenden wieder mehr: Die ausgeprägte Rechtssicherheit sowie die hohe politische und wirtschaftliche Stabilität. Trotz zunehmender Schwächen zehrt Deutschland weiterhin von seinen alten Stärken: Einer Innovationslandschaft, die Forschung, Unternehmen und Start-ups miteinander verbindet, gut ausgebildeten Fachkräften und der zentralen Lage in Europa.

Die Zahlen seien dennoch mit Vorsicht zu interpretieren, schreibt das IW weiter: Direktinvestitionen schwankten stark und seien häufig längerfristig geplant. „Für viele Investoren dürfte der Standort zudem immer noch viel zu teuer sein – die Lohnstückkosten hierzulande waren zuletzt so hoch wie in fast keinem anderen Industrieland.“ Deshalb müsse die Bundesregierung im angekündigten Herbst der Reformen vor allem die Kosten für die Unternehmen senken. Klar, was ein unternehmernahes Wirtschaftsforschungsinstitut bei solchen Gelegenheiten fordert: „Helfen könnte eine konsequente Absenkung der Energiekosten sowie ein wirksamer Bürokratieabbau, etwa bei den deutschen und europäischen Lieferkettenberichtspflichten.“ Und: „Um die Arbeitskosten zu senken, führt zudem kein Weg an einer Reform des Sozialstaates vorbei.“

 

Jedes siebte Patent stammt von Zuwanderern

Blick über die Isar zum Europäischen Patentant in München
Foto: Wolfgang Dirscherl/pixelio.de

Hier kommt wieder mal eine Nachricht, die vermutlich alle AfD-Wähler und sonstige xenophoben Idioten da draußen ärgern wird. Denn sie stammt aus einer seriösen Quelle, die man schlecht als linksversifft denunzieren kann. Eine neue Auswertung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt: Jede siebte Erfindung hierzulande stammt von zugewanderten Menschen – sie werden für unsere Wirtschaft und unseren Wohlstand immer wichtiger.

„Erfinder mit ausländischen Wurzeln sind für einen wachsenden Teil der Patentanmeldungen in Deutschland verantwortlich“, schreibt das IW in einer Pressemitteilung vom 13.10.25. Laut IW-Berechnungen gingen 2022 etwa 14 Prozent auf ihr Konto. Zum Vergleich: Im Jahr 2000 war es erst jede zwanzigste Patentanmeldung. Für ihre Untersuchung haben die Forscher die Vornamen sämtlicher Erfinderinnen und Erfinder seit 2000 einem von 24 Sprachräumen zugeordnet. So lässt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit die Herkunftsregion der betreffenden Person bestimmen.

Mit jeweils knapp drei Prozent leisten Erfinderinnen und Erfinder aus Ost- und Südeuropa den größten Beitrag zum Patentgeschehen hierzulande. Auf Platz drei folgt der arabische Raum inklusive der Türkei mit rund zwei Prozent. Sein Anteil hat sich seit dem Jahr 2000 vervierfacht. Besonders stark ist das Wachstum unter den Menschen mit indischer Herkunft: Seit der Jahrtausendwende haben sich ihre Patentanmeldungen verzwölffacht, auf inzwischen 1,2 Prozent.

Unter den Zugewanderten ist der Anteil von Erfinderinnen mit knapp neun Prozent fast doppelt so hoch wie unter den Deutschen (fünf Prozent). Ein Grund: In vielen Herkunftsländern entscheiden sich Frauen häufiger für ein MINT-Studium, aus dem besonders viele Patente hervorgehen. Damit sind sie auch für den deutschen Arbeitsmarkt besonders attraktiv.

Deutschland altert und ist wie andere Industrieländer auf die Zuwanderung gut ausgebildeter Menschen angewiesen. „Um im Wettbewerb um die klügsten Köpfe mithalten zu können, sind schnelle und unbürokratische Verfahren zur Einreise und Anerkennung von Qualifikationen notwendig“, erklärt Alexandra Köbler, Forscherin am IW. Ein weltoffenes Klima sei ebenfalls entscheidend, Expertinnen und Experten mit ihrem Know-how zu gewinnen und attraktiv für Talente im Ausland zu bleiben.

Zur Methodik: Die Zahlen basieren auf der Patentdatenbank des IW. Sie umfasst vollständige Datenreihen zu rund vier Millionen internationalen Patentfamilien ab dem Jahr 1994. Für den Vergleich wurde das Vornamensmodul der IW-Patentdatenbank verwendet, das die rund 45.000 Vornamen aller in Deutschland wohnhaften Erfinderinnen und Erfinder beinhaltet, die an einer dieser Patentanmeldungen beteiligt waren.

Hier geht es zur Original-Studie.

Wie man mit Märchen Klimapolitik hintertreibt

Grafik: DIW

Populistische Parteien nutzen gezielt Narrative über soziale Ungerechtigkeit, um Klimapolitik als unsozial und von Eliten getrieben darzustellen. Das zeigt eine neue Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin).

Die Autoren Matilda Gettins und Lorenz Meister haben sich gefragt, wie sich drei verbreitete Narrative über die mit klimapolitischen Maßnahmen verbundenen Kosten auf populistische und klimapopulistische Einstellungen auswirken. Dazu haben sie gut 1.600 Personen online befragt. „Die Ergebnisse zeigen, dass insbesondere das Narrativ, wonach einkommensschwache Haushalte überproportional belastet werden, klimapopulistische Haltungen verstärkt und die Zufriedenheit mit Demokratie senkt“, schreiben die DIW-Autoren. Dies gelte vor allem für Frauen und in einkommensschwachen, ostdeutschen und konservativen Wählergruppen.

Was ist überhaupt Populismus? Darunter verstehen die Autoren eine politische Denkweise, die die Gesellschaft in zwei gegensätzliche Gruppen einteilt: „das einfache Volk“ auf der einen Seite und „die korrupte Elite“ auf der anderen. Populistische Akteure fordern, dass die Politik ausschließlich den „Willen des Volkes“ widerspiegeln solle – und was der Wille des Volkes ist, das wissen die Populisten natürlich besser als alle Anderen.

In der Forschung wird Populismus oft nicht direkt über Parteipräferenzen, sondern über Einstellungen gemessen  Ein gängiger Ansatz basiert auf Aussagen, die die Einstellung zu drei Kernelementen des Populismus erfassen: Anti-Elitismus (Kritik an den Mächtigen), Anti-Pluralismus (Ablehnung vielfältiger Meinungen), und Volkssouveränität (Forderung nach direkter Volksentscheidung). So sollten die Befragten zum Beispiel folgende Aussage bewerten: „Klimapolitik ist größtenteils ein Projekt der Eliten, welches das einfache Volk nicht berücksichtigt“ –  auf einer Skala von Null (totale Ablehnung) bis zehn (volle Zustimmung). Diese Vorgehensweise ermöglicht es, Populismus unabhängig von Parteibindung oder Wahlverhalten zu erfassen. Und weil der Begriff „Populismus“ in den Fragen gar nicht vorkommt, werden Verzerrungen im Antwortverhalten vermieden.

Das Narrativ, wonach Unternehmen keine Verantwortung übernehmen, verstärkt vor allem unter Männern und in ostdeutschen und linken Wählergruppen klimaskeptische Einstellungen. Das Narrativ, wonach Klimapolitik die deutsche Volkswirtschaft belastet, wirkt vor allem in der rechten Wählerschaft, heißt es in der Studie weiter. „Narrative können die politische Einstellung stark beeinflussen – vor allem, wenn sie Verteilungsfragen zuspitzen“, sagt Lorenz Meister, Doktorand im Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) im DIW Berlin. Er hat die Studie gemeinsam mit Matilda Gettins von FiscalFuture, einer Nichtregierungsorganisation, erstellt.

Das Unternehmensnarrativ wirkt hingegen vor allem unter Männern, in ostdeutschen Regionen und in linken Wählermilieus. Das Wirtschaftsnarrativ, wonach Klimapolitik die deutsche Volkswirtschaft schwächt, findet besonders in der rechten Wählerschaft Resonanz. „Politische Debatten basieren nicht allein auf Fakten – vereinfachende Geschichten haben große Macht, gerade wenn sie markant und leicht zu merken sind“, so Meister.

Die Studie unterstreicht, dass es nicht nur auf die Narrative selbst, sondern auch auf die Ausgestaltung der Klimapolitik ankommt. „Werden Maßnahmen als gerecht wahrgenommen – etwa durch sozial ausgewogene Ausgleichsmechanismen wie das Klimageld – verlieren polarisierende Narrative an Wirkung“, schreibt das DIW. Entscheidend sei zudem eine transparente Kommunikation, die Verteilungskonflikte nicht verschweige, sondern offen adressiere. „Klimapolitik muss sozialpolitisch eingebettet sein und Sorgen ernst nehmen. Nur so lässt sich klimapopulistischer Vereinnahmung wirksam begegnen“, betont Matilds Gettins.

Die Studie kann man hier als PDF herunterladen.

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