Kampf um Narrative

Grafik: Tim Reckmann / pixelio.de

Neulich habe ich in einer Publikation des Münchener Ifo-Instituts einen interessanten Aufsatz von Prof. Dr. Joachim Weimann gelesen, er lehrt an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Otto-von-Guericke Universität Magdeburg und stellt sich die Frage, warum in Politik und Wirtschaft so viel Stuss erzählt und auch geglaubt wird.

 

Das versuche ich mal nachzuerzählen, muss aber bei Adam und Eva anfangen. Habt Ihr eine Viertelstunde Zeit? Dann los: Es scheint ein Grundbedürfnis des Menschen zu sein, sich und seine Umgebung verstehen zu wollen. Psychologen sprechen vom Sense-Making-Trieb, der jedem Menschen angeboren sei. Und sie halten diesen Trieb für genauso stark wie den Trieb, sich Nahrung zu besorgen und sich zu paaren. Dieser Trieb ist sehr stark, denn der Mensch fühlt sich unwohl, wenn er nicht versteht, was in der Welt um ihn herum passiert und warum es passiert. Da ist es nur gut, dass ihn die Natur mit Neugier ausgestattet hat. Das war wichtig, um in der Welt zu bestehen. Und früher, zu Zeiten des Jagens und des Sammelns, waren neugierige Menschen klar im Vorteil, weil sie Gefahren früher erkannten als andere.

Das Dumme ist nur, dass die Zeit des Jagens und Sammelns weitgehend vorbei ist, und die Komplexität, Dynamik und Kompliziertheit unserer Umwelt dramatisch zugenommen hat. Und zwar dermaßen, dass wir keine Chance mehr auf ein umfassendes Verständnis unserer Umwelt haben. Wir sind fast immer und fast überall, fast auf jedem Gebiet blutige Laien. Ärgerlich, nicht wahr?

Ein Trieb, der nicht befriedigt werden kann, verlangt nach einer Ersatzbefriedigung. Für den Sexualtrieb ist dieses Bedürfnis gut bekannt, aber es gibt auch für den Sense-Making-Trieb einen Ersatz. Wenn der Mensch schon kein umfassendes und richtiges Verständnis für die Phänomene um sich herum erlangen kann, dann sucht er sich eine eigene Erklärung, die ihm plausibel erscheint und mit der es sich gut leben lässt.

Und jetzt kommts: Es ist offenbar völlig unerheblich, ob diese Erklärungen tatsächlich richtig sind oder nicht. Das ist nebensächlich, solange wir daran glauben, dass sie richtig sind. Oder anders ausgedrückt: Soziale Überzeugungen schaffen soziale Realitäten. Diese Art der Befriedigung des Sense-Making-Triebs funktioniert, weil Menschen eine sehr ausgeprägte Neigung zur Selbstüberschätzung haben. Sie glauben immer noch, die ganze Welt erklären zu können. Ein Exemplar mit besonders ausgeprägter Selbstüberschätzung sitzt momentan im Oval Office in Washington.

Nur Menschen mit ausgeprägter Selbstüberschätzung glauben, dass ihre einfachen Welterklärungen zutreffend sind. Das hat erhebliche Konsequenzen für die Demokratie und den Parlamentarismus. Parteien und Politiker, die Stimmen gewinnen wollen, stehen vor dem Problem, Menschen, die nicht gerne zuhören, über ihre Lösungsvorschläge zu informieren. Sehr einfache Narrative sind deshalb das Äußerste, was kommunizierbar ist. Der politische Wettbewerb wird damit zum Kampf um die Narrative.

Demokraten sind bei dieser Veranstaltung schwer im Nachteil. Sie versuchen, mit ihren Narrativen der Wahrheit recht nahe zu kommen, das macht ihre Erzählungen komplex, umständlich, kompliziert, langweilig und schwer zu verstehen. Viel leichter ist es für die Selbstüberschätzer, die laut schreien und die kürzesten und einprägsamsten Narrative verbreiten: Volk ohne Raum, jüdische Weltverschwörung hieß das früher, heute heißt es Deutschland schafft sich ab, uns droht die Umvolkung, Ausländer plündern unsere Sozialkassen, wenn sie nicht gerade damit beschäftigt sind, unsere Töchter zu vergewaltigen.

Außerdem nehmen sie uns die Arbeitsplätze weg, oder? Dass sie nicht gleichzeitig Sozialkassen plündern und sozialversicherungspflichtig arbeiten und Steuern und Abgaben zahlen können, ist zwar ein Widerspruch, aber egal, dieses Narrativ ist so einfach und einprägsam, das muss einfach stimmen. Warum aber halten sich diese vielen obskuren, nachweisbar falschen Narrative? Sie haben kräftige Beschützer, schreibt Weimann. Die beiden stärksten sind  die Vermeidung einer kognitiven Dissonanz, die dafür sorgt, dass nur Informationen wahrgenommen werden, die im Einklang mit dem Narrativ stehen. Sie ist eng verwandt mit dem zweiten Aufpasser, der Informationsvermeidung. Wenn zwei unterschiedliche Wahrnehmungen miteinander in Widerspruch geraten, verursacht das negative Gefühle, die Menschen gerne vermeiden. Also besser: Sich gar nicht erst informieren.

„Beispielsweise ist es für einen Menschen, der daran glaubt, dass Migration grundsätzlich negativ ist, schwer auszuhalten, dass Migration statistisch nachweisbar positive Effekte hat, weil Migranten Beschäftigungsprobleme lösen, die die schrumpfende Bevölkerung des Landes ansonsten nicht in den Griff bekäme“, schreibt Weimann. Aber kein Problem. Einfach die Statistiken ignorieren, schon ist die kognitive Dissonanz verschwunden.

Man sieht: Das eigentliche Problem ist nicht das Narrativ als Phänomen, sondern seine Qualität. Ein gutes Narrativ versucht, das beste verfügbare Wissen über ein Problem so zu vereinfachen, dass es in eine kurze Geschichte passt, die sich leicht kommunizieren und verstehen lässt. Ein schlechtes Narrativ gibt vor, ein gutes zu sein, dient aber nur dem Machterhalt der Partei, die sich seiner bedient. Doch leider haben es die Schreihälse mit ihren falschen Narrativen viel einfacher.


Grafik: Tim Reckmann / pixelio.de

Ich habe auch ein Narrativ anzubieten, kurz und einprägsam: Große Idioten sammeln Stimmen bei vielen kleinen Idioten. Wobei nicht ganz klar ist, ob die größten Selbstüberschätzer auch die größten Idioten sind. Es kann ja auch sein, dass sie es besser wissen, aber sich das niemals anmerken lassen, solange sie bei den vielen kleinen Idioten mit ihren obskuren Narrativen punkten können. Man schaue nur nach Großbritannien, wo inzwischen viele kleine Idioten merken, dass sie mit den Lügen, die zum Brexit geführt haben, kräftig hereingelegt worden sind.

Ach ja, früher war alles viel einfacher. Wählte man links, stimmte man damit für Umverteilung, Emanzipation und wollte „mehr Demokratie wagen“. Wählte man rechts, war man für Märkte, Wettbewerb, Wachstum und beharrte auf die Familie als Keimzelle der Gesellschaft. Doch das funktioniert heute nicht mehr so einfach. Wie wollen wir mit der Künstlichen Intelligenz umgehen? Wie wollen wir unsere Kinder davon abhalten, dass sie ihre halbe Jugend in den künstlichen Blasen der Social Media zubringen? Was können wir sinnvoll gegen die drohende Klimakatastrophe unternehmen? Wie gehen wir mit dem demografischen Wandel um, nachdem uns vier Jahrzehnte lang dazu nichts Gescheites eingefallen ist?

Man sieht: Für die heute anstehenden Probleme gibt es schon lange keine linken und rechten Lösungen mehr, man muss sich schon mal mit den Problemen selbst befassen. Genau da schlägt die Stunde der Narrative. Und entscheidend wird sein, ob sich gute Narrative behaupten können. Denn sie haben ja im Wettbewerb mit schlechten Narrativen strukturelle Nachteile, schon allein deshalb, weil sie sich nicht an die Wahrheit halten müssen und den Abgleich mit Daten und Fakten ignorieren können.

Die guten Narrative haben es schwerer, sie müssen sich an dem besten verfügbaren Wissen orientieren, das zur Verfügung steht. Sie brauchen deshalb ebenfalls kräftige Beschützer. Das sind einmal die unabhängige Wissenschaften und zum anderen die Qualitätsmedien. Beide stehen in Deutschland unter Beschuss, weil die Schreihälse immer lauter werden. Unabhängige Wissenschaft scheint sich aus der Sicht von Politik und Medien kaum noch von interessengeleiteter Lobbyarbeit zu unterscheiden. Wer genug Kapital und Ressourcen hat, kann sich bei x-beliebigen Instituten jedes gewünschte Studienergebnis zusammenkaufen.

Und bei den Medien ist das Problem, dass sie dann, wenn sie ihre Existenzgrundlage am Markt erwirtschaften müssen, nicht frei sind in ihrer Berichterstattung. Sie müssen das berichten, was Klickzahlen bringt, was Menschen lesen, hören oder sehen wollen. Da fällt es schwer, gegen falsche, aber sensationell aufgemachte Narrative anzuschreiben. In Deutschland können wir nur hoffen, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk weiterhin den guten Narrativen Gehör verschafft.

Noch können wir hoffen. Aber es ist kein Zufall, dass die Idioten und Schreihälse, die sich anmaßen, eine Alternative für Deutschland sein zu wollen, sich vorgenommen haben, als allererstes die öffentlich-rechtlichen Medien zu schleifen. Dann hat der Shitstorm, der Hass, haben die FakeNews und die Lügen, die als einfache und vermeintlich plausible Narrative daherkommen, endlich freie Bahn. Tolle Aussichten.

Den Aufsatz von Prof.  Dr. Joachim Weimann findet man hier.

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