Ostdeutschland verschenkt Potenziale

Transport, Logistik, Handel, Gastronomie, Pflege und Gesundheit – ohne Zuwanderung läuft bald nichts mehr. Foto: Marcus Walter /pixelio.de

 

 

Fast jeder vierte Lkw-Fahrer in den ostdeutschen Flächenländern hat keinen deutschen Pass. Auch in Kliniken und Restaurants sähe es ohne ausländische Fachkräfte düster aus, zeigt eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW).

 

Im bundesweiten Vergleich arbeiten immer noch sehr wenige internationale Fachkräfte in den ostdeutschen Flächenländern – „damit bleibt ein großes Potenzial für die wirtschaftliche Entwicklung der Region ungenutzt“, heißt es in der Kurzstudie des arbeitgebernahen Instituts in Köln.

Knapp 160.000 internationale Fachkräfte arbeiten in den ostdeutschen Flächenländern in Engpassberufen – in Jobs, in denen Unternehmen händeringend qualifizierte Arbeitskräfte suchen: Berufskraftfahrer, Ärzte, Pflegepersonal oder Köche. Für den ostdeutschen Arbeitsmarkt sind ausländische Fachkräfte unverzichtbar: Seit 2019 verlassen mehr deutsche Staatsbürger den Arbeitsmarkt als nachkommen.

Da die Zuwanderung aus EU-Ländern in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen ist, gewinnen Fachkräfte aus Drittstaaten zunehmend an Bedeutung. Der tatsächliche Beitrag von Fachkräften mit ausländischen Wurzeln dürfte sogar noch größer sein, denn bereits Eingebürgerte tauchen in der Statistik nicht als Ausländer auf. Allein im Jahr 2025 wurden bundesweit 332.500 Menschen eingebürgert.

Ohne ausländische Beschäftigte stünde etwa die ostdeutsche Logistik still: Fast jeder vierte Lkw-Fahrer – mehr als 21.000 Menschen – hat keinen deutschen Pass. Knapp 10.000 arbeiten in der Lagerwirtschaft, rund 6.700 in der Kfz-Technik. Auch die medizinische Versorgung wäre gefährdet: Über 5.000 Ärzte und rund 4.500 Pflegekräfte in Ostdeutschland haben keinen deutschen Pass.

Besonders stark hängt die Gastronomie von Zuwanderung ab: In der Fleischverarbeitung ist jeder zweite Beschäftigte Ausländer, das sind rund 4.700 Menschen. Unter den Köchen ist es mit rund 6.700 Personen gut jeder Fünfte. Im Gastronomieservice arbeiten fast 6.500 Ausländer, gut jeder Vierte.

Die Zuwanderung aus der EU hat den demografischen Wandel am deutschen Arbeitsmarkt lange gedämpft. Diese Quelle versiegt: Seit 2024 verlassen mehr EU-Bürger Deutschland als zuziehen. Weil zugleich die Babyboomer in Rente gehen, wächst die Lücke schneller. Schließen lässt sie sich ohne Fachkräfte aus Drittstaaten kaum. „Wenn es in Ostdeutschland nicht gelingt, Arbeitskräfte aus Drittstaaten zu gewinnen und zu halten, bleiben Waren liegen, Patienten unbehandelt und Restaurants geschlossen“, sagt IW-Experte Gero Kunath. Die Politik müsse die passenden Rahmenbedingungen schaffen. „Eine Work-and-Stay-Agentur könnte dabei helfen, die bürokratischen Hürden zu meistern“, so der Ökonom.

Fazit: Ostdeutschland ist bereits heute auf internationale Fachkräfte angewiesen, um den Rückgang der Erwerbsbevölkerung zu dämpfen. Der Beitrag von Beschäftigten aus Drittstaaten hat kontinuierlich an Gewicht gewonnen und dürfte angesichts schwindender Zuwanderungspotenziale aus den klassischen EU-Herkunftsländern weiter zunehmen. Umso wichtiger ist es, sowohl den weiteren Zuzug aktiv zu fördern, und dafür zu sorgen, dass ausländische Fachkräfte in Ostdeutschland verbleiben. Gemessen an den Hauptabwanderungsgründen von Migranten aus Deutschland bestehen Spielräume – auf staatlicher und gesellschaftlicher Seite – insbesondere bei Bürokratieabbau, am Wohnungsmarkt sowie bei der Bekämpfung von Diskriminierung und einem offeneren politischem Klima.

Die Kurzstudie der IW-Autoren Fabian Semsarha, Gero Kunath und Lydia Malin gibt es hier.