Smalltalk beim Dentisten

Alle halbe Jahre fordert mich mein Zahnarzt auf, zum Routinecheck anzutreten. Dann macht er den Zahnstein weg und gut ist. Doch das letzte mal hat er mich beiseite genommen und gefragt, wie es denn mit der Wirtschaft weitergeht, weil er weiß, dass ich in der Wirtschaftsredaktion der Deutschen Welle arbeite. Ich wollte den Mann beruhigen: Wenn es in den USA nicht zu einer Doppelrezession kommt und die Rohstoffpreise nicht explodieren, geht der Aufschwung in moderatem Tempo weiter, sagte ich. Vor allem würde ich mir keine Sorgen um die Inflation machen, denn die Europäische Zentralbank habe ein gut gefülltes Munitionslager, schließlich lägen die Leitzinsen derzeit bei einem Prozent, da sei genug Luft nach oben. Das hat ihn offenbar beruhigt. Er gestand mir, dass ihn einige Anlageberater dringend vor der bevorstehenden Inflation gewarnt hätten – mit entsprechenden Anlageempfehlungen natürlich. Zahnärzte sind bei Anlageberatern offenbar sehr beliebt. Wie gesagt, mein Zahnarzt mit dem vielsagenden Namen Spangenberg wirkte beruhigt, obwohl ich nicht den Eindruck hatte, dass er den Zusammenhang zwischen Leitzinsen und Inflation begriffen hat. Continue reading „Smalltalk beim Dentisten“

Was ist eigentlich Geld?

Ich zitiere mal ein paar Gedanken des belgischen Finanzexperten Bernard Lietaer über Geld:

“Geld ist nichts anderes als die Vereinbarung einer Gemeinschaft, etwas als Tauschmittel zu verwenden. Das können Muscheln sein, Kamele, Weizen, aber auch Eisenbarren, Mühlsteine oder Goldmünzen. Oder eben Banknoten aus Papier. Im Nachkriegsdeutschland schufen die Menschen spontan eine Zigarettenwährung. Entscheidend dafür, ob etwas Geld ist, ist allein die Tatsache, dass Sie und ich und der Rest der Gemeinschaft uns darüber einig sind, etwas als Geld zu definieren. Und schon ist es Geld! Natürlich haben dabei immer auch praktische Erwägungen eine Rolle gespielt: Der Siegeszug des Goldes seit der Antike liegt in seiner physischen Beschaffenheit und seiner leichten Transportierbarkeit. Weizen kann von Ratten gefressen werden oder keimen. Gold ist beständiger.
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In den vergangenen 30 Jahren hat es Währungskrisen in 87 Ländern gegeben. Die Krisen in Mexiko 1995, in Asien 1997, in Russland 1998 oder in Ecuador 1999 sind nur die Spitze des Eisberges. Continue reading „Was ist eigentlich Geld?“

Visuelle Erkenntnisse

741_big01> Das Internet ermöglicht ganz neue Formen der Berichterstattung, die sich z.B. in Printmedien kaum, im TV nur sehr aufwendig realisieren lassen: Fachleute sprechen vom datengetriebenen Jorurnalismus. Dabei werden komplexe statistische Zusammenhänge in Flash, HTML5, SVG und Processing visualisiert. Hier ist ein Beispiel von Gregor Aisch über Spenden von Privatleuten und Unternehmen an politische Parteien. Was auf den ersten Blick wie ein unentwirrbares Wollknäuel daherkommt, entpuppt sich beim Darüberfahren mit der Maus als klar gegliederte Geschichte. So erfährt man zum Beispiel, dass die CDU die größten Spenden von ihrer Schwesterpartei CSU bekommen hat, nämlich genau 2.334.526.- Euro. Näheres über datengetriebenen Journalismus erfährt man auch hier oder hier.

Einfach anhören

Grafik: Gerd Altmann/pixelio.de
Grafik: Gerd Altmann/pixelio.de

Opel wird ohne Staatsknete saniert. Toyota muss Millionen Autos zurückrufen. Die Karstadt-Warenhäuser werden gerettet. Die Europäische Union spannt einen riesigen Rettungsschirm über klamme Euro-Länder. Es ist viel passiert in der Wirtschaft des Jahres 2010. Ein akustischer Rückblick statt einer Blogger-Bleiwüste. Übrigens vermutlich der erste und letzte Hörfunk-Beitrag, in dem ich singe. Wann und was – das müsst Ihr selbst rausfinden. Einen guten Rutsch ins Neue Jahr!

Die Goldene Ananas

Ich zitiere mal ausnahmsweise einen Wikipedia-Artikel: „Die Verwertungsgesellschaft Wort (VG Wort) ist ein Wirtschaftsverein, dem die Rechtsfähigkeit staatlich verliehen worden ist (§ 22 BGB, § 1 Abs. 4 UrhWG). Die Verwertungsgesellschaft wurde 1958 auf Betreiben des damaligen Verbandes deutscher Schriftsteller (kurz VS; damals ein eingetragener Verein) gegründet, sie verwaltet die Tantiemen aus Zweitnutzungsrechten an Sprachwerken, auch von Funk und Fernsehen, in Deutschland. Berechtigte sind Autoren, Übersetzer und Verleger von schöngeistigen und dramatischen, journalistischen und wissenschaftlichen Texten, die der Urheber der VG Wort per Meldekarte oder per Onlineverfahren angezeigt hat.“ Was da so harmlos als „Tantiemen aus Zweitnutzungsrechten“ daherkommt, addiert sich (neben Pauschalabgaben für Fotokopierer u.ä.) auf rund 100 Millionen Euro pro Jahr, die nach Abzug der Verwaltungskosten regelmäßig um die Weihnachtszeit an die rund 350.000 angemeldeten Journalisten und Autoren verteilt werden (Zahlen geschätzt, 2005 waren es rund 325.000 Autoren und 91 Millionen Euro) – ein nettes Zubrot, das man gerade vor der Weihnachtszeit gut gebrauchen kann. Continue reading „Die Goldene Ananas“

Eine originelle Idee

Seit Dienstag (14.12.2010) rollen wieder Castorbehälter mit radioaktivem Atommüll durch die Lande. Ihr Ziel ist das Zwischenlager Lubmin bei Greifswald. Der Müll stammt aus westdeutschen Kernforschungszentren und war zur Wiederaufbereitung in Südfrankreich. Atomkraftgegner halten diese Transporte für extrem gefährlich und fordern den Stopp der Castoren, solange kein Endlager gefunden ist. Ohne Endlager keine Sicherheit, heißt es. An der Notwendigkeit solcher Endlager zweifelt kaum jemand. Aber: Sind Endlager vielleicht nur eine fixe Idee? Der Unternehmensberater Matthias Ginsberg gibt in der Financial Times Deutschland (FTD) zu bedenken, es sei im Prinzip unnötig, vielleicht sogar schädlich, heute über Endlager nachzudenken. Sein Argument: Wir suchen heute eine endgültige Lösung für ein Problem, das noch 10 000 Jahre strahlen wird. Wir haben heute noch gar nicht die Technologie, um damit umzugehen. Wäre es da nicht besser, das Zeug ein bis zwei Generationen zwischenzulagern, bis uns bessere Lösungen einfallen, anstatt heute vermeintliche Endlager politisch durchzudrücken, die sich vielleicht in 50 Jahren als falsch, aber irreversibel herausstellen? Continue reading „Eine originelle Idee“

Der Bock wird zum Gärtner

Zugegeben: Seltsam fand ich es schon, dass sich vor einigen Monaten Alice Schwarzer ausgerechnet die Bild-Zeitung für ihre Kachelmann- Berichterstattung ausgesucht hat. Wer so etwas vor 25 Jahren vorausgesagt hätte, dem wäre vermutlich ein Besuch beim Psychiater empfohlen worden. Nun gut, dachte ich mir, Tante Alice braucht vermutlich die Kohle für ihre Emma, und den Bild-Redakteuren ist es vermutlich egal, was sie auf Seite acht schreibt, solange sich die Hauptkundschaft lieber weiterhin die netten Tittenbildchen auf Seite eins anschaut. Continue reading „Der Bock wird zum Gärtner“