Wozu die Aufregung?

Wikileaks gibt keine Ruhe und sorgt nun für diplomatischen Trubel: 250.000 geheime Dokumente aus den US-Botschaften wurden veröffentlicht. Sie zeigen, wie die Supermacht über ihre Partner und deren Politiker denkt. Rund 1700 Berichte stammen aus der US-Botschaft in Berlin. Demnach ist Angela Merkel selten kreativ und risikoscheu, Guido Westerwelle unerfahren, inkompetent und eitel. Leute, wozu diese Aufregung? Ich finde, Botschafter Murphy hat eine hervorragende Beobachtungsgabe und kann Personen treffsicher einschätzen! Ich habe selten so eine offene und klare Sprache vernommen!

Zu Berlusconi hätten die US-Diplomaten geschrieben, er erscheine zunehmend als Sprachrohr Putins in Europa. Der russische Premier wird als Alpha-Rüde bezeichnet, Präsident Dmitri Medwedew als blass und zögerlich. Das würde ich sofort unterschreiben! Ägyptens Präsident Hosni Mubarak hat den unter George W. Bush begonnenen Irak-Krieg für gefährlichen Unsinn und den damaligen US- Präsidenten für unbelehrbar gehalten. Alle Achtung, Herr Mubarak – es ehrt Sie, so vom US-Botschafter in Kairo eingeschätzt zu werden! Mein Fazit: Manche US-Diplomaten machen einen ganz guten Job.

Umfragen-Unfug

Folgende Pressemitteilung des deutschen IT-Branchenverbandes BITKOM landete heute in meinem Briefkasten: „In Sachen Internet haben die Bundesbürger offenbar weiterhin massive Zweifel am Sachverstand der politischen Parteien. Jeder sechste Wahlberechtigte ist der Meinung, dass keine der größeren Parteien überhaupt etwas vom Internet oder der Netzpolitik versteht. Jeder zweite sieht sich nicht in der Lage, einer Partei besondere Sachkenntnis zuzuschreiben. Nur jeder Dritte kann bei einer politischen Partei Internetkompetenz erkennen. „Das Ergebnis des aktuellen BITKOM-Webmonitors muss die Politik aufrütteln“, sagt BITKOM-Präsident Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer. „Netzpolitik ist eines der bestimmenden Themen, und es kann in Zukunft mit wahlentscheidend sein.“ Forsa befragte im Auftrag des BITKOM 953 deutschsprachige Personen ab 18 Jahren. Bei der offenen Befragung konnten spontan auch zwei oder mehr Parteien genannt werden. Die Umfrage ist repräsentativ.“

Na klar mag diese Umfrage repräsentativ sein. Sie beweist allerdings nur, dass sich mindestens jeder Zweite der Befragten noch nie in seinem Leben die Webseite einer politischen Partei oder eines Abgeordneten angesehen hat. Dann ist es auch klar, dass sich diese Befragten nicht in der Lage sehen, einer Partei besondere Sachkenntnis zuzuschreiben. BITKOM titelte: „Große Zweifel an der Internetkompetenz der Parteien“. Vielleicht hätte man fairerweise titeln müssen: „Nur die Hälfte der Bundesbürger interessiert sich für den Auftritt der Parteien im Internet“.

Ein bestelltes Päckchen

Trithemius, Betreiber des gleichnamigen Teppichhauses, hat sich mit den jüngsten Terrorwarnungen unseres Innenministers beschäftigt. Er hält sie, genau wie ich, für ein bestelltes Päckchen, damit scheinheilig besorgte Unionspolitiker wieder lautstark die Vorratsdatenspeicherung fordern können. Wenn ich die Einlassungen des innenpolitischen Sprechers der Unionsfraktion, Hans-Peter Uhl, höre, „wer sich jetzt noch gegen die Vorratsdatenspeicherung wehrt, hat die Bedrohungslage nicht verstanden“, dann wird mir übel vor lauter selbstzufriedener Scheinheiligkeit.

Die Dispo-Falle

Um 41,6 Milliarden Euro haben die Deutschen ihr Girokonto überzogen – und das nur in einem einzigen Monat, dem Mai 2010. Während die Banken für Guthaben nichts oder magere ein bis 1,5 Prozent bieten, langen sie bei den Überziehungszinsen und Dispokrediten im Schnitt mit elf, in der Spitze sogar mit über 14 Prozent hin. „Obszön“, bezeichnet Jenny Mansch in der Monatszeitung Publik der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di diese Zinsdifferenz. Besonders frech sind die ach so mittelstandsfreundlichen Sparkassen und Volks- und Raiffeisenbanken: 21 ihrer Institute liegen über 14 Prozent. Continue reading „Die Dispo-Falle“

Die Kommunen und das Web 2.0

Die deutschen Verwaltungen haben ihr Web-2.0-Angebot ausgebaut: 74 Prozent der Behörden verfügen mittlerweile über ein Internet-Portal, das Bürgern und Unternehmen interaktiven Online-Kontakt anbietet. 53 Prozent der Einrichtungen stellen Foren zur Verfügung und 32 Prozent treten per Audio- oder Video-Podcast an die Öffentlichkeit. Bei der konkreten Betreuung solcher interaktiven Online-Dienste haben viele Behörden allerdings noch Nachholbedarf. Das hat die Studie „Social Media in der Landesverwaltung“ von Steria Mummert Consulting ergeben. Der ganze Pressetext steht hier.

Ein Chamäleon

Marion hat auf chillout.de einen interessanten Link gesetzt. Auf Ich schreibe wie kann man seinen Schreibstil analysieren lassen. Erfunden hat die Messmethode ein siebenundzwanzigjähriger Russe aus Montenegro namens Dmitry Chestnykh, ein Softwareentwickler, der vor ein paar Monaten die Internetseite „I write like“ ins Leben rief. Chestnykh hatte einen Algorithmus entwickelt, der so ähnlich wie ein Spam-Filter funktioniert: Man musste bloß ein paar englischsprachige Sätze in ein Textfeld kopieren, auf „Analysieren“ klicken. Innerhalb weniger Sekunden übermittelte das Programm einem dann das Ergebnis. Im besten Fall: „Sie schreiben wie William Shakespeare.“

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